Gegensätze | global denken - lokal handeln

2018-01

 

Sie hatten sich eine ganze Zeit nicht mehr gesehen. Seit der Beerdigung von Elas Großmutter waren zwei Monate vergangen. Wie in früheren Zeiten hatten sie sich zu einem Nachmittags-Spaziergang verabredet. Die beiden Frauen gingen eng nebeneinander. Der Weg war vom Laub bedeckt, das die ersten Schübe des Herbstes von den Bäumen hatte fallen lassen. Heute war es ein freundliche Tag, mit milden Temperaturen und zwischen den Wolken schaute immer wieder die Sonne hervor, deren Strahlen die Baumkronen gelblich, rötlich und bräunlich leuchten ließen und schmale helle Streifen auf den Weg malten. Doros Hund, mit der Statur eines Schäferhundes, aber mit schwarzem zotteligem Fell, bewegte sich ungefähr auf ihrer Höhe entlang des Wegesrandes, schnüffelte an dem ein oder anderem Geäst und markierte gelegentlich rüdenhaft jene Stellen, an denen er dies für notwendig erachtete. Ela berichtete vom Tod ihrer Großmutter, den Monaten im Altenheim, den Umständen des Sterbens und schließlich auch von dem ja nahezu dramatischen Ereignissen bei der Beerdigung. Doro hörte ihrem Bericht zu und wandte sich zu ihr, während sie für eine Weile stehenblieben.
"Vor ein paar Jahren hatte ich sie ein paar Mal öfter gesehen. Sie war doch nach dem Tod ihres Mannes, Deines Großvaters hierher, in Eure Nähe gezogen. Da wirkte sie so gesund und robust. Wann war das?".
"Sie ist vor vier Jahren hierhergezogen. Ja, sie war auch sehr rüstig. In den letzten zwei Jahren ging es dann plötzlich so bergab."
Ela blieb stehen und wandte sich ihrer Freundin zu, die einwenig größer war als sie.
"Ich hatte nur noch selten Kontakt zu ihr, seitdem ich von Zuhause ausgezogen war. Ich glaube, ich hätte mich mehr kümmern müssen. Schließlich war ich ihre Enkelin und Mama und Rieke, die waren zwar mehr bei ihr, aber …. Ich hätte mehr da sein müssen".
Sie waren wieder stehen geblieben. Jetzt nahm Doro Ela in den Arm, umfasste sie an beiden Seiten und Ela legte ihren Kopf an ihre Schulter. "Der Tod gehört zum Leben, keinem von uns wird es anders ergehen." Als sie von Ferne zwei Radfahrer wahrnahmen, lösten sie sich und Doro rief mit einem "Dexi, hierher!" ihren Hund herbei.
"Vielleicht ist es so, wie hier in der Natur. Jedes Jahr fallen die Blätter von den Bäumen", hob Doro an, als die Radfahrer sie passiert hatten. "Sie haben ihre Lebensspanne absolviert, nun lösen sie sich vom Baum, wehen herab und dienen, wenn gut läuft als Kompost für das Heranwachsen kommender Generationen."

 

 

Projekt Gegensätze - April 2018